Brasilien: Prozess wegen Mordes an Stadträtin Franco hat begonnen

Berlin/São Paulo - Mehr als sechs Jahre nach der Ermordung der Linkspolitikerin Marielle Franco und ihres Fahrers hat in Brasilien der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter begonnen. Angeklagt wegen Doppelmordes sind zwei ehemalige Militärpolizisten. Am Mittwoch (Ortszeit) startete die Verhandlung vor einem Gericht in Rio de Janeiro mit den Aussagen der geständigen Angeklagten und zahlreicher Zeugen, wie das Nachrichtenportal „G1“ berichtete.

Die Stadträtin Franco war am 14. März 2018 auf offener Straße in ihrem Auto regelrecht hingerichtet worden. Auch ihr Fahrer Anderson Gomes kam ums Leben. Der Mord an der 38-jährigen Politikerin hatte ganz Brasilien aufgewühlt und auch international für Entsetzen gesorgt.

Noch immer sind die genauen Umstände des Verbrechens und die Zusammenarbeit von Politikern mit der organisierten Kriminalität nicht vollständig aufgeklärt. Zeugen belasteten einen Abgeordneten des Nationalkongresses, Chiquinho Brazão, als Auftraggeber, der sich aber weiterhin auf freiem Fuß befindet. Demnach soll Franco einen Gesetzentwurf vorangetrieben haben, der die Regulierung von Land für den Bau von Sozialwohnungen vorsah. Das durchkreuzte offenbar die Pläne des Abgeordneten und krimineller Milizen in Rio de Janeiro. Er muss sich in einem separaten Verfahren verantworten.

Bei dem Prozess in Rio waren Familienangehörige der Getöteten anwesend. Vor dem Gerichtsgebäude hatten sich zahlreiche Menschen versammelt. Darunter war auch Francos Schwester Anielle, die von Brasiliens Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zur Ministerin für die Gleichstellung ethnischer Gruppen berufen worden war. Der Hauptangeklagte Ronnie Lessa hatte die Tat bereits gestanden. In das Verbrechen sind jedoch mutmaßlich noch weitere Abgeordnete und ein Mitglied des Rechnungshofes verwickelt. Die Ermittlungen der Bundespolizei stockten lange und wurden erst nach dem Amtsantritt von Lula vorangetrieben.

Die Afrobrasilianerin Franco, die selbst in einem Armenviertel aufgewachsen war, galt als politische Hoffnungsträgerin. Im Stadtrat von Rio de Janeiro setzte sie sich für die Favelas und gegen Polizeigewalt ein. Franco lebte in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und war auch eine Ikone der LGBT-Bewegung in ganz Brasilien.

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